digitale Spiegelreflex?

1. Fachkamera – Sucherkamera

Ganz früher, in den ersten hundert Jahren der Fotografie, gab es im Wesentlichen zwei Arten von Kameras: die großen Mattscheibenkameras, als Studio-, Reise-, Laufboden-, oder opt.-Bank-Kamera, oder auch Fachkamera bezeichnet, einerseits – und die meist kleinen einfachen Sucherkameras andererseits. Die Fachkameras waren groß, schwer, unhandlich, teuer und sehr umständlich und langsam. Die Sucherkameras waren preiswert oder billig, lieferten techn. gesehen mäßige Qualität, dafür waren sie aber unkompliziert und schnell. (Ich weiß, dass es auch in jeder Gruppe einzelne Ausnahmen von diesen Regeln gab, ich will hier nur ein grob gezeichnetes Bild geben.)

2. Spiegelreflexkamera

Mitte (?) vorigen Jahrhunderts kam dann jemand auf die Idee, die Vorteile beider Prinzipien zu kombinieren, das war dann die Spiegelreflex (SLR). Besonders im Kleinbildformat (135, 35mm), aber auch im Mittelformat (120, Rollfilm) war das ein großer Erfolg sowohl im Profibereich als auch bei anspruchsvollen Amateuren.

3. Digitalkamera

Wenn man heute eine Kamera kauft, dann scheint es ja nur noch Digitalkameras zu geben, und diese kann man (wieder grob) in zwei Gruppen aufteilen: Kompaktkameras und Spiegelreflexkameras. Erstere bieten viele Vorteile der alten Vorbilder: wie die Fachkameras erlauben sie die Komposition auf der „Mattscheibe“/dem Monitor. Wie die Sucherkamera bieten sie einen Durchguck-Sucher für die Action-Fotografie (sind dafür aber oft nicht schnell genug). Wie die Spiegelreflex bieten sie das Monitorbild life bis zur Auslösung an. Und über die alten Modelle hinausgehend bieten beide eine genaue Bildkontrolle gleich nach der Aufnahme: stimmt die Schärfe, sind Bildpartien ausgefressen/zugelaufen, war der Ausschnitt in Ordnung? Bei der „chemischen“ Photographie konnte man das alles nur hoffen.
Nun zu den beiden großen Gruppen: kompakt oder SLR. Die Verkäufer (und die Preisschilder) suggerieren, dass die Kompakten für Einsteiger sind, die Spiegelreflex für Profis.
Ich frage mich aber warum?

4. digitale Spiegelreflex – warum?

Was eigentlich bringt das Spiegelreflex-Prinzip für eine Digitalkamera?
Bei einer herkömmlichen Kamera erlaubte das Spiegelreflex-Prinzip dem Fotografen, das Motiv bis zur letzten Zehntelsekunde vor der Aufnahme auf der Mattscheibe zu sehen – sei es beidäugig im Lichtschacht oder einäugig durch den Prismensucher. Dabei war im Gegensatz zu einer Sucherkamera auch kein Parallaxenfehler zu befürchten, und die Tiefenschärfe bei verschiedenen Blenden konnte beurteilt werden, zumindest theoretisch, denn wer es versucht hat, weiß, dass dies aufgrund der Sucherhelligkeit meist nicht wirklich möglich war.
Eine Digitalkamera, selbst die billigste, zeigt aber das Bild auf einem hellen Monitor life an. Und zwar mit dem selben Aufnahmesensor, der nachher beim Auslösen auch wirklich das Bild macht! Das ist ja nochmal eine Steigerung in der Reihe Sucherkamera – Spiegelreflexkamera – Digitalkamera. Das ist ja so, als ob man früher den fertigen Diafilm schon vor der Aufnahme hätte sehen können – besser noch als Sofortbild.
Und dann kommen die Firmen und bringen Spiegelreflex-Digitalkameras… wozu? Die meisten dieser neuen Spiegelreflex können das Bild erst nach der Aufnahme auf dem Bildschirm zeigen – vorher sieht man durch das Prisma auf eine konventionelle Mattscheibe. Dieses Bild ist optisch erzeugt und hat nur sehr bedingt mit dem zu tun, was nachher in der digitalen Umsetzung als Ergebnis herauskommt.

5. Kaum Vorteile…

Einen Vorteil der Spiegelreflex habe ich noch nicht erwähnt: Man kann einfach und schnell das Objektiv wechseln. Gut, aber wozu, wenn man schon 10-fach-Zoomobjektive in einer Kompakten haben kann? Für Spezialzwecke wären natürlich Shiftobjektive, Fischaugen, extr. Makroobj. interessant, nur dass es die für die meisten dieser Digital-Spiegelreflex dann erst wieder nicht gibt…

6. … aber Nachteile

Dafür handelt man sich mit dem Spiegelreflex-Prinzip zumindest zwei schwere Nachteile ein:
– der Spiegelschlag: aus ist es mit lautlosem und erschütterungsfreiem Auslösen!
– Staub im Lichtweg: aus ist es mit dem im staubfreiem Raum versiegeltem Kamerainneren.
– (meist, Ausnahme: das neueste Modell von Olympus) kann das digitalisierte Bild erst nach der Aufnahme angeschaut werden.
– der Platzbedarf des Schwingspiegels bedeutet eine gravierende Einschränkung für die Objektiv-Konstruktion.

Fazit

Nein, ich verstehe das nicht, warum die digitalen Spiegelreflex als Profi-Kameras gelten:
Ich halte sie eher für Dinosaurier, die eigentlich ausgestorben sein sollten.

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